
Die Religionslandschaft des Kanton Luzern ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten bunt und vielfältig geworden - neue Andachtstätten, Klöster, Meditationszentren und Gotteshäuser sind von hinduistischen, buddhistischen, muslimischen und weiteren Religionen und weltanschaulichen Gruppen eröffnet worden.
In der unscheinbaren Haus-Moschee an der Hauptstrasse in Reussbühl kommen freitagmittags an die 100 Muslime zusammen, um gemeinsam zu beten. Für die grossen Jahresfeste, so dem Id al-Fitr Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan, ist der Raum jedoch zu klein, die annähernd 500 Besucher zu fassen. Inzwischen ist es jedoch fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass die katholische Kirchgemeinde von Emmenbrücke den Gemeindesaal zur Verfügung stellt. Dort feiern die Muslime jedes Jahr gemeinsam das Fest des Fastenbrechens. Auch die drei weiteren Haus-Moscheen des Kantons, in Emmenbrücke, Kriens und Horw, sind freitagmittags voll, je nach Nationalität kommen Türken, Kosovo-Albaner und Bosniaken in "ihre" Moschee. Eine strenge Trennung nach Nationalitäten liegt jedoch nicht vor. In der Haus-Moschee von Reusbühl versammeln sich beispielsweise türkische, pakistanische, arabische und afrikanische Muslime zum gemeinsamen Gebet. Drei der vier Haus-Moscheen im Kanton liegen quasi versteckt in Industriequartieren. Anders hingegen präsentiert sich das buddhistische Nonnenkloster des Fo-Kuangshan Ordens nahe dem Städtchen Gelfingen. Es ist sichtbar auf der Anhöhe gelegen, buddhistische Fahnen wehen seit der Eröffnung 1996. Das Vesakh-Fest im Mai 2002 hatten die taiwanesischen Buddhisten gleich zweimal gefeiert: der strengen Zeremonie im Tempel folgte fünf Wochen später eine öffentliche Feier auf dem historischen Kapellplatz in Luzern. Die zahlreichen, zumeist chinesischen Laienbuddhisten und Nonnen gedachten der Geburt des Buddha Shakyamuni in einer "Badezeremonie" und einem "Nicht-Ich" Teenachmittag. In anderen buddhistischen Häusern - sechs weitere zählten wir im Kanton - ging es weniger "exotisch" zu. Vornehmlich "einheimische" Schweizer und Schweizerinnen kamen zu Vortrag und gemeinsamer Meditation. Eine dritte Impression: Im Juni 2000 eröffnete der tamilische Priester Sasithara Sarma in einer ehemaligen Fabrikhalle in Root-Gisikon in einer aufwendigen Zeremonie den Thurkkai Amman Tempel. Seit acht Jahre hatten sich die tamilischen Hindus der Region in einem Raum der St. Karli- Kirche getroffen. Nun endlich hatten sie genug Geld zusammen und geeignete Räumlichkeiten gefunden. Die Göttin Thurkkai und ihr Gefolge erhielten ein eigenes Zuhause. Puja, die rituelle Andacht, ist dienstag- und freitagabends.
Zahlreiche weitere Häuser und Andachtstätten nicht-christlicher Religionen und einiger weltanschaulicher Gemeinschaften finden sich in Luzern und dem gleichnamigen Kanton - und unsere Recherchen haben gerade erst ihren Anfang genommen. Weitere Orte "neuer", hinzugezogener religiöser Praxis kommen in unserer Zählung stetig hinzu.
Im Frühjahr 2002 hat das Religionswissenschaftliche Seminar an der Universität Luzern die Erhebungen zu dem Forschungsprojekt "Religionsgeographie Kanton Luzern" begonnen. Der Schwerpunkt des Projektes liegt auf den Religionen und Gemeinschaften von Migranten - von Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten kamen und sich hier niederliessen. Drei Ausgangsfragen leiten uns:
Die religiöse Landschaft des Kantons - wie auch der gesamten Schweiz - ist komplexer und vielgestaltiger geworden. Neue religiöse Feste und Festtage sind hinzugekommen, neue Moscheen, Klöster und Tempel kommen bei genauem Blick zum Vorschein. Es handelt sich hier nicht lediglich um eine gesteigerte Pluralität - eine erhöhte Vielfalt von Religionen. Vielmehr haben wir es mit einer neuen Qualität von religiösem Pluralismus zu tun. Pluralismus meint die aktive Teilnahme an und der Umgang mit dieser Pluralität durch die Akteure, durch die Religionen und ihre Vertreter. In der Schule, in Hospitälern, im Quartier, gar auch in der Armeekaserne, wird dieser neue religiöse Pluralismus unweigerlich sicht- und spürbar, ebenso in interreligiösen Begegnungen und Kreisen. Deutlich wird nur zu oft, wie wenig Schweizer und Zugezogene von einander wissen. Mehr Kenntnisse von einander nehmen die Ängste vor der Fremdheit und dem Unbekannten. In der Begegnung und durch die eigene Erfahrung kann dieses Neue, Hinzugekommene oftmals als Bereicherung empfunden werden.
Das Projekt hat zum Ziel, die religiöse und weltanschauliche Vielgestaltigkeit des Kantons zu erheben, darzustellen und die Implikationen dieses neuen religiösen Pluralismus zu analysieren. Gefördert wird das Projekt von der Universität Luzern und den Integrationsbeauftragten der Stadt und des Kanton Luzern.
© 2010 Religionswissenschaftliches Seminar der Universität Luzern | Impressum
New and Unfamiliar: Researching Religious Plurality in Scenic Lucerne (PDF, 1,1 MB, 4 Seiten)
Beitrag von Martin Baumann mit Rückblick auf die Aktivitäten des Projekts.
www.religionenlu.ch ist ein Projekt des Religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Luzern.
Letzte Aktualisierung: Mai 2010