
Kerstin-Katja Sindemann M. A.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Sie ebenfalls sehr herzlich zur Präsentation des neuen Faltprospektes "Religionsvielfalt im Kanton Luzern" begrüßen.
Ich möchte 1) über die Entstehungsgeschichte des Prospektes berichten 2) seine Zielsetzung sprechen 3) einige Problematiken thematisieren, die sich im Zuge der Recherche und Herstellung ergeben haben und 4) ein vorläufiges Resümee ziehen und Perspektiven für die Zukunft eröffnen.
1) Ich bin als Religionswissenschaftlerin und Journalistin mit einer speziellen Aufgabenstellung hier an die Universität Luzern gekommen, nämlich die Forschungsergebnisse über die religiöse Landschaft im Kanton Luzern in öffentlichkeitswirksamer Weise umzusetzen. Als wichtigster Zielpunkt ist eine entsprechende Ausstellung zu nennen, die das Religionswissenschaftliche Seminar im Mai 2005 im KKL veranstalten wird, dies im Rahmen des schweizweiten Festivals "Science et Cité", ein Programm, das die Wissenschaft raus aus dem Elfenbeinturm, hin zum Bürger bringen will. In dieser Ausstellung werden Filmdokumentationen zu sehen sein, die ich erstelle, und die einen Einblick in die verschiedenen religiösen Praktiken, Rituale und Feste hier im Kanton geben sollen. Vom jüdischen Schabbatabend über ein islamisches Freitagsgebet bis zu hinduistischem Tempelfest und buddhistischer Meditation wird die religiöse Vielfalt vorgestellt und erklärt. Dieser Faltprospekt war und ist ein Teil in diesem Gesamtprogramm. Das Religionswissenschaftliche Seminar hat mit dieser Aufgabenstellung neue Wege der Wissenschaftsvermittlung eingeschlagen, abseits von einschlägigen Wissenschaftspublikationen, Handbüchern und Artikeln in Fachzeitschriften, die jedoch leider oft nur von Fachkollegen gelesen werden, nicht jedoch von einer breiten Öffentlichkeit. Es entspricht dem Trend der Zeit, Wissenschaft in neuer, anschaulicher und greifbarer Form zu vermitteln. Davon zeugen auch die neuen Ausbildungslehrgänge für Wissenschaftsjournalismus und "Science Communication" im gesamten deutschen Sprachraum.

Das Publikum während der Präsentation des Prospekts
Zurück nach Luzern. Als ich meine Arbeit aufnahm, war mein erstes Anliegen, mir einen Überblick über die vorhandenen Religionsgemeinschaften zu verschaffen. Neben den Forschungsergebnissen, die bereits am Seminar vorlagen, habe ich eine breit angelegte Recherche begonnen, im Internet auf entsprechenden Homepages gesucht, lokale Zeitungen, Zeitschriften und Publikationen nach Hinweisen und Ankündigungen durchforstet, Plakate an öffentlichen Aushängen studiert und vor allem in persönlichen Gesprächen wertvolle Tipps und Informationen bekommen. Das Ergebnis war überraschend: über 30 Gruppierungen wurden gefunden, der Stand des Prospektes liegt derzeit bei 32, wobei wir darüber hinaus von zwei-drei weiteren nichtchristlichen Gemeinschaften Kenntnis haben, die aus verschiedenen Gründen vorerst nicht aufgenommen werden konnten. Für die meisten, die bisher den Kanton als mehrheitlich katholisch geprägten Block wahrgenommen haben, ist diese Vielzahl und Vielfalt überraschend. Es ist das erste Mal in Luzern, dass eine solche Erhebung und Dokumentation durchgeführt wurde. Das Forschungsunterfangen selbst steht jedoch in einem nationalen und internationalen Kontext. Vergleichbare Forschungen wurden bereits in Basel, Zürich sowie in Fribourg geleistet. Auch international steht die Luzerner Religionswissenschaft im Trend der aktuellen Forschung, wie vergleichbare Forschungsprojekte über Religionspluralismus in Deutschland, Großbritannien oder den USA zeigen. Besonders der Zusammenhang von Religion und Migration respektive Integration von Zuwanderern ist ein Hauptaspekt gegenwartsbezogener religionswissenschaftlicher Forschung. So laufen in den USA vernetzt an Universitätsinstituten von sieben US-Großstädten, die Hauptorte der Immigration sind, Forschungsprojekte zu "Religion and the new immigrants". Dabei wird über die Rolle der Religion bei der Integration und Inkorporierung von Zugewanderten aus Asien, Afrika und Südamerika geforscht. Wie Herr Professor Baumann in seiner Antrittsvorlesung 2002 ausgeführt hatte, ist Religion für die meisten Migranten eine Stütze, die ihnen hilft, sich in den Anforderungen einer fremden Umgebung besser zurechtzufinden. So sind auch in Luzern beispielsweise Moscheen Anlaufstellen für Neuzugezogene, in denen sie Informationen über Arbeits- und Wohngegebenheiten erhalten, in Deutschkurse vermittelt werden und Unterstützung bei bürokratischen und sonstigen Schwierigkeiten bekommen.
2) Zur Frage der Zielsetzung des Prospektes sind verschiedene Ebenen zu unterscheiden. Erstes Anliegen basiert auf der Grunddefinition von Wissenschaft an und für sich: dem Bürger, der Gesellschaft, den Entscheidungsträgern Information und Wissen zur Verfügung zu stellen, auf deren Basis weitere Entscheidungen getroffen und zukünftige Entwicklungen beeinflusst werden können. Im Fall des Faltprospektes geht es darum, durch sachliche, faktenbezogene Information Vorurteile abzubauen, Missverständnisse zu beseitigen, eine Grundlage für den interreligiösen Dialog zu schaffen, die Integration von Angehörigen fremder Religionen zu fördern und zum friedlichen Zusammenleben der Menschen verschiedener nationaler und religiöser Herkunft einen Beitrag zu leisten. Aus diesem Grund wurden wir bei der Herstellung des Prospektes durch die Integrationsbeauftragte der Stadt Luzern, Frau Sibylle Stolz, und den Integrationsbeauftragten des Kantons Luzern, Herrn Dr. Hansjörg Vogel, unterstützt, sowohl finanziell als auch mit Ratschlägen, wofür ich mich an dieser Stelle sehr herzlich bedanken möchte. Der Prospekt wird an Integrationsstellen, Schulen, Erwachsenenbildungsstätten und andere Multiplikatoren verteilt. Er steht für die gesamte Einwohnerschaft gratis zur Verfügung. Lassen Sie mich zum Thema Integration aus meinen konkreten Erfahrungen berichten. Hier möchte ich an erster Stelle jenen Imam einer hiesigen Moschee erwähnen, der sich vor allem der Arbeit mit muslimischen Jugendlichen widmet, um diese besser zu integrieren, um Probleme mit Alkohol, Drogen, Gewalttätigkeit und Kriminalität zu vermeiden und um den Jugendlichen andere Wege im Umgang mit Problemen und Konfliktsituationen zu eröffnen. Viele Muslime, die ich hier getroffen habe, sind bereit und willens, aktiv einen Beitrag für ihre Integration und für ein friedliches Zusammenleben mit der Schweizer Aufnahmegesellschaft zu leisten. Dann möchte ich von jenen islamischen Frauen sprechen, die ihre Zeit und Kraft dafür aufwenden, sich konstruktiv dem Dialog mit der Öffentlichkeit zu stellen, die Aufklärungsarbeit für einen liberalen und tolerant interpretierten Islam leisten, sowohl innerhalb wie außerhalb der muslimischen Gemeinschaften. Oft werden sie in ihrem Engagement enttäuscht, weil sie von Medienberichten in die Nähe von Fundamentalismus gerückt werden bzw. sich in ihren Anliegen falsch interpretiert und wiedergegeben sehen. Hier liegt es auch in der Verantwortung von Gesprächspartnern und Vertretern offizieller Institutionen, keine falschen Ängste zu schüren. Und noch eine dritte Beobachtung: meine einheimischen jüdischen Gesprächspartner ließen erkennen, dass sie ein allzu großes Interesse der Öffentlichkeit fürchten, da sie Ängste vor antisemitischen Angriffen und Übergriffen haben. Ängste, die aus konkreten Erfahrungen resultieren. Erfahrungen, die auch in der Schweiz nicht sein sollten. Das Gegenrezept kann nur in einem wiederholten aufeinander Zugehen liegen. Hier will der Faltprospekt einen Beitrag leisten: indem die Adressen aller religiösen Stätten, die zudem in Land-, Stadt- und Detailkarten verzeichnet sind, aufgeführt sind. Ich möchte Sie gerne ermutigen, selbst die ein oder andere Moschee, Synagoge, Tempelhalle oder Meditationsräumlichkeit zu besuchen. Ich bin in allen Zentren freundlich empfangen, mit Informationen und Materialien bereichert und oftmals noch gastfreundlich bewirtet worden. Ich kann Ihnen nur wünschen, dass auch Sie solche bereichernde, inspirierende und freundschaftliche Begegnungen haben werden.
3) Es sollen auch einige Problematiken und Schwierigkeiten zur Sprache kommen, die sich im Zuge der Recherchen sowie im Herstellungsprozess ergeben haben. Ein wichtiger Punkt war und ist die Frage nach den Auswahlkriterien: welche Gruppe soll in die Dokumentation hinein genommen werden, welche nicht? Soll ein Yogalehrer, der Seminare im Raum Luzern anbietet, dessen Yoga-Zentrum sich jedoch in einem anderen Kanton befindet, aufgenommen werden? Soll eine Gruppe, die in Luzern erst im Aufbau begriffen ist, aufgenommen werden? Soll ein Seminaranbieter, der zwar religiöse Bezüge aufweist, aber de facto ein traditionsunabhängiges, kommerzielles Ein-Personen-Unternehmen ist, aufgenommen werden? Wie ist mit Gruppen zu verfahren, die in der Öffentlichkeit gemeinhin als "Sekten" angesehen werden? Wir haben im Lauf der Zeit unsere Auswahlkriterien immer wieder hinterfragt und neu diskutiert. Wir haben grundsätzlich nur solche Gemeinschaften aufgenommen, die in einer Weltreligion respektive religiösen Tradition verortet sind, oder die – das betrifft vor allem solche, die in der Kategorie "Weitere Gemeinschaften" erfasst wurden - in ihrer Lehre oder rituellen Praxis zahlreiche religiöse Bezüge aufweisen. Die ferner in eine klar erkennbare Organisation, Tradition oder Überlieferung eingebunden sind, und die hier im Kanton Luzern bereits längerfristig eine Gruppe mit mehreren Mitgliedern bilden und/oder einem regelmäßigen Programmangebot. Was die Frage nach so genannten Sekten betrifft – und Sie werden im Prospekt die ein oder andere Gemeinschaft entdecken, auf die Sie den Begriff vielleicht anwenden würden – so ist anzuführen, dass wir uns als Religionswissenschaftler per definitionem unseres Wissenschaftsauftrages auf sachliche, neutrale Information beschränken. Kritik, Vorwürfe, Wertungen sowie Warnungen sind Aufgabe der (kirchlichen) Sekten- und Weltanschauungsreferate, die diese Aufgabe verantwortungsbewusst wahrnehmen. Wer sich über zu kritisierende Strukturen in diversen Religionsgemeinschaften informieren möchte, wird hierzu entsprechende Literatur, Internetseiten und Ansprechpersonen finden. Anmerken möchte ich auch, dass sich die innere Struktur sowie Schwerpunkte in Lehre und Praxis einer Gruppe ändern können und dass möglicherweise Vorwürfe, die gegen eine Gemeinschaft vor 20-30 Jahren zu Recht bestanden, heute nicht mehr gelten müssen. Meine langjährige Erfahrung im Umgang mit Religionsgemeinschaften, darunter auch solchen, die in der Öffentlichkeit als Sekten bezeichnet werden, ist, dass Religionsgemeinschaften Kritik, die an sie herangetragen werden, durchaus zum Anlass nehmen, innere Reformen durchzuführen. Oder dass die Mitglieder selbst Korrekturen an kritisierenswerten Zuständen herbeiführen. Daher sollte auch jeder Religionsgemeinschaft die Möglichkeit zu Reform und Veränderung zugebilligt werden. Abschließend sei gesagt, dass sich die Anzahl der Gemeinschaften sowie die Darstellungen auf den Forschungsstand im Sommer 2004 beziehen. Informationen über nichterwähnte Gemeinschaften oder aktuelle Entwicklungen, die nicht berücksichtigt wurden, sind bitte an das Religionswissenschaftliche Seminar zu richten. Und noch ein Wort zum Christentum: die größte festgestellte innerreligiöse Vielfalt erstreckt sich im Rahmen des Christentums. Wir haben uns darauf beschränkt, die verschiedenen Kirchen, Orden und Gemeinschaften summarisch zu erfassen, da eine ausführlichere Beschreibung den Rahmen des Forschungsprojektes gesprengt hätte.
4) Schlussresümee und die Frage nach Zukunftsperspektiven: Wichtigste Erkenntnis ist, dass der Religionspluralismus längst schon im Kanton Luzern seinen Einzug genommen hat, nur bisher nicht in seinem Umfang wahrgenommen wurde, weil er im öffentlichen (Stadt- und Landschafts) Bild nicht sichtbar ist. Dieser Pluralismus ist längst eine Realität, hinter die es kein Zurück gibt. Und er bestimmt inzwischen in vielfacher Weise das Zusammenleben am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in den Schulen, im Freundeskreis oder gar in der eigenen Familie. Der Faltprospekt soll helfen, Vorurteile zu überwinden und Missverständnisse auszuräumen. Er will Anreiz sein, sich weiter zu informieren und in Dialog mit Angehörigen anderer Religionen und Weltanschauungen zu treten. Nur so sind friedliches Zusammenleben und die Vermeidung von Konflikten möglich. Konkrete Fragen stellen sich dem Kanton Luzern in Zukunft wie zum Beispiel: sollen nichtchristliche Religionsgemeinschaften offiziell anerkannt werden? Soll man Angehörigen fremder Religionen eigene Friedhöfe zugestehen? Soll man nichtchristlichen Religionsunterricht an Schulen zulassen? Da ich viele Jahre in Österreich gelebt habe, sei mir gestattet, einige Vergleiche zu ziehen. Augenfällig ist, dass in Österreich eine weitaus größere Zahl an interreligiösen Dialogveranstaltungen, an interreligiösen Gebeten, Friedenstreffen und Informationsveranstaltungen herrscht. Die Österreichische Bischofskonferenz unterhält eine eigene "Kontaktstelle für Weltreligionen", die eine Zeitschrift herausgibt, regelmäßige Vorträge veranstaltet, Dialogtreffen zwischen Angehörigen der vor Ort ansässigen Religionen organisiert sowie einen Lehrgang "Weltreligionen" für Lehrer und Multiplikatoren anbietet. Wichtigster Unterschied ist, dass sowohl das Judentum, der Islam sowie der Buddhismus seit vielen Jahren staatlich anerkannt sind, mit allen rechtlichen Implikationen wie steuerliche Absetzbarkeit der Kirchen- bzw. Mitgliedsbeiträge, staatlich finanzierter Religionsunterricht, Sendezeiten für Verkündigungssendungen im öffentlichen Rundfunk und Unterstützung von Religionspädagogischen Akademien zur Ausbildung von Religionslehrern. Bei allen drei Religionen existiert trotz innerreligiöser Vielfalt jeweils eine nationale Dachorganisation, die als Ansprechpartner für Behörden, Medien und Kirchen fungiert. Ein 1997 verabschiedetes Religionsgesetz sichert zahlreichen kleineren Religionsgemeinschaften den offiziell anerkannten Status einer "Religiösen Bekenntnisgemeinschaft" zu. Dies ist durchaus im Sinne eines Konsumentenschutzes im Supermarkt der Religionen und staatliches Gütesiegels zu verstehen. In Wien wurde nach jahrelangem Tauziehen ein eigener islamischer Friedhof eingerichtet, auf dem Wiener Zentralfriedhof gibt es seit neuestem ein eigenes Gräberfeld für Buddhisten. In Österreich, das so wie der Kanton Luzern mehrheitlich katholisch geprägt ist, sind diese religionsrechtlichen Errungenschaften inzwischen selbstverständlich. In der Schweiz hingegen ergibt sich bei den genannten Punkten in den nächsten Jahren sicherlich noch einiges an Diskussionsbedarf. Hier kann eine Orientierung über die (Kantons-)Grenzen hinaus Hilfestellung bieten.
5) Ich möchte abschließend Herrn Professor Baumann und den Kollegen vom Religionswissenschaftlichen Seminar für ihre Unterstützung danken. Außerdem der Firma Endoxon für die gute Zusammenarbeit bei der graphischen Gestaltung des Prospektes, den Uni-Kolleginnen Judith Lauber und Nadja Kümin für ihre Hilfe und last but not least all meinen Gesprächspartner aus den verschiedenen Gemeinschaften.
Dr. Hansjörg Vogel (Integrationsbeauftragter des Kantons Luzern), Prof. Dr. Martin Baumann und Kerstin-Katja Sindemann M. A. (Religionswissenschaftliches Seminar) bei der Präsentation des Faltprospekts am 23. September 2004 (v. l. n. r.).
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